Kreative Prozesse in Gang bringen

Die Künstlerische Leitung des Theatersommers über 25 Jahre Theaterarbeit im Clussgarten

Das Programm zum Jubiläum sprengt mit sieben Produktionen und einem Sonderprogramm alle Grenzen. Warum diese unglaubliche Fülle?
CHRISTIANE WOLFF Ich liebe Geburtstagsfeste und das ist ja kein Geburts-Tags-, sondern ein Geburts-Sommer-Fest. Wie sollten wir es anders feiern als mit Fülle? An meinen Kindergeburtstagen gab es auch immer zu viel Kuchen, ich fand das toll.
PETER KRATZ Das Motto unserer Jubiläumsspielzeit Past-Now-Future lässt sich ohne Fülle einfach nicht transportieren. Es gibt viel, woran es sich zu erinnern lohnt. Aber es war uns auch wichtig, Akzente in Richtung Zukunft zu setzen.

Ein Vierteljahrhundert Theatersommer. Wie intensiv blickt man denn zurück auf die vergangenen Jahre?
PETER KRATZ Zum Jubiläum haben wir ein digitales Archiv aufgebaut, in dem alle Produktionen seit 1991 aufgeführt sind. Außerdem wurde das gesamte alte Videomaterial aus den 90ern digitalisiert, um es für die multimediale Ausstellung im Jubiläumsjahr verwenden zu können. Ich bin also mitten drin in der intensiven Erinnerung. Wenn man sieht, wie alles angefangen hat, wird einem noch einmal bewusst, wie viel sich entwickelt hat. Auch wenn ich selbst, aus heutiger Sicht, nicht immer beeindruckt bin von dem, was ich damals als Schauspieler oder Regisseur gemacht habe, spürt man doch immer diesen unverwechselbaren Stil, den wir uns bis heute erhalten haben.Wir waren selten langweilig, immer kreativ und haben unsere Ideen stets konsequent umgesetzt.
CHRISTIANE WOLFF Die Ergebnisse dieser experimentellen Zeit waren verrückt, von naiver Frische und teilweise sehr übermütig. Die Zuschauer mochten das von Anfang an. Sehr oft denke ich an verschiedene Inszenierungen zurück wie an vergangene Leben. 25 Jahre sind eine echt lange Zeit, ich bin richtig alt geworden mit dem Theater. Es war eine großartige Zeit, in der ich so dermaßen viel erlebt und so viele tolle Schauspieler/innen kennen gelernt habe. Außerdem war mein Leben in diesem Theatergarten immer durch die Anwesenheit meiner ganzen Familie geprägt. Schon meine große Tochter hat hier gearbeitet und die Zwillinge sind hier aufgewachsen und bringen jetzt alle Schulfreunde mit, um hier zu arbeiten. Wir sind eigentlich ein richtiger alter Familienbetrieb.

Wie schafft man es, dass keine künstlerische Stagnation entsteht und die Zuschauerzahlen Jahr für Jahr steigen?
CHRISTIANE WOLFF Ich glaube die Zuschauerzahlen steigen nur Jahr für Jahr, weil die Schwaben so lange brauchen, um alle zu bemerken, dass es uns gibt. Das war zwar ein Scherz, aber vielleicht ist auch etwas Wahres dran. Was die Stagnation angeht… manchmal stagniere ich künstlerisch völlig. Das merken die Zuschauer vielleicht gar nicht. Aber dann öffnet sich in meinem Leben wieder eine Tür zu ganz neuen Erfahrungen und die Kunst entwickelt sich sprunghaft mit. Auch innerhalb einer Probenzeit kann es mal eine fette Stagnation geben. Früher habe ich in solchen Situationen die Panik bekommen. Inzwischen schaue ich meinen Schauspieler/innen genau zu und sage denen auch, dass ich innere Leere und nur Fragezeichen im Kopf habe. Gerade aus der völligen Leere entwickelt sich leicht etwas Neues, wenn man keine Angst hat und die Verantwortung teilt.
PETER KRATZ Nach jeder Spielzeit reflektieren wir intensiv. Künstlerische Ergebnisse brauchen Abstand, wenn man sie richtig beurteilen möchte. Den nehmen wir uns und dann wird schonungslos reflektiert. Nur weil eine Inszenierung gute Zuschauerzahlen hatte, heißt das noch lange nicht, dass das künstlerische Ergebnis meinen Ansprüchen gerecht wird. Aber auch die gesamte Organisation steht auf dem Prüfstand. Letztlich braucht eben alles seine Zeit und man muss akzeptieren, dass auch schmerzliche Irrwege eine wichtige Erfahrung für Veränderungen sind.

In den 90ern entstanden die Stückbearbeitungen gemeinsam. Dann inszenierte Christiane Wolff und Peter Kratz spielte die Hauptrolle. Wie sieht der heutige Blick auf die Zusammenarbeit von damals aus?
PETER KRATZ Diese ersten Jahre hatten ein ungeheuer kreatives Potential. Das war wirklich Leidenschaft und Feuer verbunden mit einem Maximum an Selbstausbeutung. Unser Anspruch an Theater war aufgrund unserer verschiedenen Erfahrungen an professionellen Theatern sehr hoch. Den wollten wir trotz der sehr improvisierten, nahezu rudimentären Produktionsbedingungen nicht aufgeben. Das war sicher für die Schauspieler, die damals bei uns spielten, nicht immer einfach. Mit mir stand ein Schauspieler auf der Bühne, der zumindest in dramaturgisch-konzeptioneller Sicht immer drei Schritte voraus war, da er zusammen mit der Regisseurin das jeweilige Stück entwickelt und geschrieben hatte. Aber selbst wenn eine Arbeit schwierig war, hat das Ergebnis bzw. der Erfolg bei Publikum und Presse so manche Wunden der Probenarbeit geheilt.
CHRISTIANE WOLFF Ich fand es furchtbar großartig, mit Peter zusammen zu arbeiten, denn wir sind immer unterschiedlicher Meinung. Aber dadurch sind auch ganz kreative Prozesse in Gang gekommen und wir haben viele Grenzen überschritten. Heute bin ich froh, dass ich meine Regieträume alleine träumen darf.

Ende der Neunziger beendete Peter Kratz seine schauspielerische Arbeit und konzentrierte sich auf die Regie. Warum eigentlich?
PETER KRATZ Wir wollten beide nicht mehr in diesem Spannungsfeld zwischen Regie und Hauptdarsteller, der auch Autor ist, weiterarbeiten. Dazu kam, dass wir die inszenatorische und organisatorische Arbeit durch die Geburt unserer Kinder neu strukturieren mussten. Obwohl ich stets den Zuspruch des Publikums für mein Spiel gespürt hatte, wurde mir doch bewusst, dass die Entwicklung des Theatersommers nur weitergehen konnte, wenn sich das künstlerische Spektrum erweitert. Diese Aufgabe hat mich interessiert und heute kann ich sagen, dass es die richtige Entscheidung war.

Beim Theatersommer entwickelten sich also zwei sehr verschiedene inszenatorische Handschriften. Wie würde denn Christiane Wolff die künstlerische Handschrift von Peter Kratz beschreiben? Und umgekehrt?
CHRISTIANE WOLFF Peter komponiert Bilder, die sowohl die Stimmungen als auch die Beziehungen der Rollen untereinander oder eine bestimmte Aussage seiner Inszenierungen optimal in den Garten transportieren. Mein Lieblingsstück ist Hesses „Der Steppenwolf“. Den Schachzug, die Hauptfigur mit zwei Schauspielern zu besetzen und auf diese Weise zwei „Herrmann -Seelen“ zu erschaffen, die in der Rolle der Hermine auf ihr weibliches Pendant treffen, fand ich sowohl dramaturgisch als auch schauspielerisch genial. Zusammen mit den vielen frei stehenden Türen, als Bild für lauter Übergänge und Zwischenräume und der unglaublich genau eingesetzten Musik, ist etwas Zauberhaftes entstanden. Die Krönung in allen Peter-Produktionen ist für mich immer die Musik. Er kann allen Produktionen durch die Musikauswahl eine eigene Stimmung geben. Diese Musik ist eingebunden in ein musikalisch völlig schlüssiges Konzept, das immer mit dem Stück direkt zu tun hat. Das ist einfach großartig.
PETER KRATZ Christiane sucht stets die Wahrhaftigkeit in der Darstellung. Sie konfrontiert die Schauspieler mit ihren Schwächen und sucht zusammen mit ihnen Möglichkeiten, diese Schwächen als Stärken erscheinen zu lassen. Dabei hat sie einen sehr genauen Blick für den Körper und erkennt dadurch, wo sie ansetzen muss. Dazu kommt ihre Fähigkeit alle Nuancen von Theatersprache zu erkennen. Da ist sie wahnsinnig genau und lässt nichts durchgehen. Das führt dazu, dass selbst vermeintlich als oberflächlich bekannte Komödien plötzlich Tiefgang bekommen und Figuren entstehen, in denen sich das Publikum wiedererkennt. Meine Lieblingsinszenierung ist „Der Geizige eingebildete Kranke“ nach Molière. Die beiden Molière-Stücke wurden absolut schlüssig miteinander verbunden. Körperlich genau gearbeitete Figuren mit einer präzise auf den Inhalt zugeschnittenen Sprache. Ein Feuerwerk von Pointen, die alle im richtigen Moment explodierten und trotz des engen kleinbürgerlichen Umfelds, über das man sich leicht hätte oberflächlich belustigen können, doch auch ein berührender Blick auf die Tragik in der Komik. Nicht zu vergessen Rainer Appel als Argan, der das Ensemble durch sein virtuoses Spiel hervorragend zusammengehalten hat. Und auch das ist in gewisser Hinsicht ein Verdienst der Regie.

An welche Arbeiten erinnert man sich besonders gern? Sind es die großen Erfolge mit den hohen Zuschauerzahlen? Oder die mit einem schönen oder spannenden Arbeitsprozess?
CHRISTIANE WOLFF Eine gute Arbeitsatmosphäre ist wunderschön, trägt aber nicht zwingend zu der Qualität des Ergebnisses bei. Man kann sich auch die ganzen Proben aufs Äußerste herausfordern und mit Schwierigkeiten kämpfen, um viele Grenzen zu überschreiten – dann sind vielleicht alle mal gereizt – und das Ergebnis ist trotzdem super.
PETER KRATZ Ich erinnere mich gern und intensiv an Inszenierungen, bei denen Bühne, Ausstattung, Konzeption, Schauspieler sich optimal ergänzten und auf allen Ebenen eine völlig neue stimmige Theater-Kunst-Welt entstand. Wie z.B. bei „Kinder des Olymp“ oder Kafkas „Prozess“. Es gibt dann eine beinahe magische Energie, von der alle erfasst sind.

Das Freilichttheater hat sich in den letzten Jahren durch Lärmschutzwände, Lichttraversen und Vorhangsysteme auch optisch stark verändert. Was waren die Gründe für diese Veränderungen?
PETER KRATZ Wir sind mitten in der Innenstadt und da gibt es natürlich auch Musikveranstaltungen die sehr laut sind und die eine Theatervorstellung empfindlich stören. Selbst wenn, wie bei der Weinlaube, Rücksicht auf uns genommen wird, ist die Geräuschkulisse enorm. Der Theatersommer muss aufgrund seiner Größe viele Vorstellungen spielen, um sich finanzieren zu können. Es war unser Ziel, nichts unversucht zu lassen, um die Situation von Parallelveranstaltungen etwas zu entspannen. Aber das Ergebnis hat natürlich seine Grenzen. Wenn auf dem Akademiehof oder Rathausplatz die Musik so laut ist, dass sie in der gesamten Innenstadt zu hören ist, dann sind auch jegliche Lärmschutzmaßnahmen sinnlos, wogegen Reflexionen oder Geräusche von großen Menschenmengen weitgehend absorbiert werden.
CHRISTIANE WOLFF Die Vorhänge gefallen mir gut. Sie sehen wertvoll aus und ungewöhnlich – wie ein Innenraum im Außenraum mit Himmel drüber. Die ganzen Wände konnten wir zum Glück einigermaßen zwischen den Bäumen verstecken.

In den letzten drei Jahren sind die Zuschauerzahlen noch einmal deutlich angestiegen. Mehr als 16.000 Besucher pro Spielzeit besuchten die Aufführungen. Wann sind denn die Grenzen der Kapazität erreicht?
PETER KRATZ Jetzt! Der Theatersommer will und kann nicht mehr größer werden. Mehr verträgt der Theatergarten nicht. Small is beautiful! Dieses Motto haben wir nicht umsonst gewählt.

Die Zuschauer beschreiben den Theatergarten als magischen Ort oder als verwunschene Märchenwelt. Wie ist das, wenn man sich jeden Tag in dieser Welt aufhält? Eure Highlights der stillen Theatergarten-Momente?
PETER KRATZ Im Hochsommer morgens um 7 Uhr den Theatergarten betreten, wenn die aufgehende Sonne durch die Sträucher und Bäume bricht. Es ist noch etwas kühl, die Feuchtigkeit der Nacht liegt auf dem Efeu und es duftet intensiv nach Erde. Und alles ist ganz still. Manchmal rast einem ein Eichhörnchen durch die Beine oder eine wilde Katze schaut einen mit neugierigen Augen an, als wollte sie sagen: „Na, geht‘s gleich wieder los mit dem Theater!?“
CHRISTIANE WOLFF Ich gehe im Frühling oder in einer heißen Sommernacht durch den Garten, die Scheinwerfer gehen abends an, die Zuschauer freuen sich und applaudieren, dass die Tribüne bebt und ich fühle, dass es nichts Schöneres gibt, als für dieses Projekt alles zu geben, so lange ich das noch irgendwie kann. Alles ist gut.

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